Nach 107 Jahren, in denen Bentley V8- und W12-Motoren brüllen liess, fährt die Marke erstmals vollelektrisch. Mit 888 PS, fast 600 Kilometern Reichweite und bis zu 400 kW Ladeleistung macht der Torcal keine halben Sachen.
Bentley hatte eine elektrische Revolution versprochen. Diese fällt nun allerdings etwas gemässigter aus als ursprünglich geplant. Noch vor wenigen Jahren wollte die Marke den Verbrennungsmotor bis 2030 vollständig aus ihrem Modellprogramm verbannen. Inzwischen hat sie ihre Ambitionen zurückgeschraubt und die Entwicklung sämtlicher neuer Elektromodelle gestoppt. Mit einer Ausnahme: dem Torcal.
Das Auto hat historische Bedeutung: Noch nie zuvor hatte ein Serien-Bentley in der 107-jährigen Geschichte der Marke vollständig auf Kolben verzichtet. Für dieses erste elektrische Kapitel geht Crewe kommerziell auf Nummer sicher und kleidet den Neuling in die Form eines SUV. Doch ein elektrischer Bentayga soll der Torcal deshalb keineswegs sein …
SUV GT
Fünf Meter lang, 2,02 Meter breit, aber nur 1,68 Meter hoch: Der Torcal wirkt deutlich kompakter und gestreckter als sein grosser Bruder. Vor allem aber haben seine Designer sorgfältig darauf geachtet, dass die elektrische Architektur nicht die Proportionen diktiert. Obwohl diese eine deutlich kürzere Motorhaube und eine weiter nach vorne gerückte Fahrgastzelle ermöglicht hätte, hält Bentley bewusst an einer langen Haube, einem weit nach hinten versetzten Passagierabteil und relativ kurzen Überhängen fest. Mit seinem grosszügigen Radstand, der abfallenden Dachlinie und den kräftig ausgeformten hinteren Schultern erinnert der Torcal damit eher an einen leicht höhergelegten grossen GT als an einen klassischen SUV.
Die Verwandtschaft mit früheren Bentley-Modellen zeigt sich auch in einigen Details. Die stark ausgestellten hinteren Kotflügel verleihen dem Heck viel optische Breite, während die in der Mitte eingezogene Heckklappe bewusst an den Kofferraumdeckel einer klassischen Limousine erinnert. In der Seitenansicht verstärken die relativ niedrige Fensterlinie und die hohe Gürtellinie zusätzlich den Eindruck eines satt auf den Rädern stehenden Autos statt eines hoch aufragenden SUV. Eine geschickte Art, die fast 2,8 Tonnen des Torcal optisch zu kaschieren.
Vergangenheit & Zukunft
Während die Proportionen in die Vergangenheit blicken, weisen die Details in die Zukunft. Die vier ikonischen Rundscheinwerfer verschwinden und machen vier vertikalen Lichtsignaturen Platz, die paarweise an den äusseren Enden der Front angeordnet sind. Eine besonders gelungene Neuinterpretation der vier historischen Bentley-Scheinwerfer. In der Mitte hingegen ist das Design diskussionswürdiger.
Der riesige Metallkühlergrill, der bei einem Elektroauto zwar überflüssig geworden ist, während Jahrzehnten aber zu den wichtigsten optischen Erkennungsmerkmalen von Bentley gehörte, weicht einer geschlossenen Fläche aus transparentem Kunststoff. Darin finden sich zahlreiche hinterleuchtete Kristallmotive, die vor einem schwarzen Hintergrund zu schweben scheinen. Bei Dunkelheit ist der Effekt zweifellos spektakulär und verleiht dem Torcal eine unverwechselbare Lichtsignatur, wirkt aber deutlich weniger edel als der traditionelle verchromte Kühlergrill aus Crewe. Und auch der Gedanke an den hinterleuchteten Kühlergrill des Skoda Enyaq vor dem Facelift lässt sich nur schwer verdrängen.
Das Heck gibt sich deutlich zurückhaltender. Neben einer Heckklappe, deren Form den Kofferraumdeckel vergangener Zeiten imitiert, strecken zwei sehr schmale horizontale Leuchten die Karosserie optisch in die Breite. Die grosszügig modellierten Partien rund um die Räder erinnern derweil eher an die Hüften eines Continental GT als an jene eines Bentayga.
Porsche darunter
Unter der sehr britischen Hülle steckt allerdings eine gehörige Portion deutscher Ingenieurskunst. Der Torcal basiert auf einer Weiterentwicklung der PPE-Plattform des Volkswagen-Konzerns und teilt sich damit einen grossen Teil seiner Architektur mit dem Porsche Cayenne Electric. Die Batterie, die 800-Volt-Architektur und auch einige Fahrwerkskomponenten zeugen deutlich von dieser Verwandtschaft.
Bentley hat das Ganze allerdings nach eigenem Geschmack abgeschmeckt. Und die Zahlen geben den Ton sofort vor. Zwei Elektromotoren, einer an jeder Achse, sorgen für Allradantrieb. Der Torcal leistet 821 PS und beschleunigt in 3,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h, bevor bei 250 km/h Schluss ist. Die «S»-Version legt mit 888 PS und 1350 Nm nochmals nach. Damit dauert der Sprint von 0 auf 100 km/h nur noch 2,9 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit steigt auf 260 km/h. Noch nie war ein Serien-Bentley so leistungsstark.
Auf der Waage bringt das Gefährt allerdings stolze 2795 kg leer auf die Waage. Der Elektroantrieb mag viele Zwänge beseitigen, das Gewichtsproblem gehört nach wie vor nicht dazu. Damit diese Masse nicht das Kommando übernimmt, fährt Bentley entsprechend schweres Geschütz auf. Die Hinterräder lenken um bis zu fünf Grad mit und reduzieren den Wendekreis auf lediglich 11,1 Meter, während erstmals bei Bentley eine vollaktive Federung zum Einsatz kommt.
Jeder Dämpfer verfügt über eine eigene Hydraulikpumpe und kann an jedem Rad unabhängig Kräfte aufbauen. Dadurch kann sogar auf konventionelle Stabilisatoren verzichtet werden.
400 kW an der Ladesäule
Die 113-kWh-Batterie setzt auf eine 800-Volt-Architektur und ermöglicht laut Bentley eine WLTP-Reichweite von bis zu 600 Kilometern. Angesichts der üppigen Batteriekapazität ein ordentlicher, aber keineswegs spektakulärer Wert. Beeindruckender ist die Ladeleistung: An einer geeigneten Ladesäule sind bis zu 400 kW möglich, womit Bentley unter idealen Bedingungen eine Ladung von 10 auf 80 Prozent in rund 16 Minuten verspricht. Lange Reisen verlieren damit deutlich an Schrecken.
Der Torcal will seine Insassen allerdings nicht zu blossen stillen Zuschauern machen. Bentley betrachtet den Klang als wichtigen Orientierungspunkt beim Fahren. Statt jedoch einfach eine plumpe V8-Aufnahme über die Lautsprecher abzuspielen, haben Musiker versucht, Rhythmus und Pulsieren des berühmten 6,75-Liter-Motors der Marke mit akustischen Instrumenten nachzubilden. Tempo und Lautstärke verändern sich dabei abhängig von Geschwindigkeit und Gaspedalstellung. Wer lieber die Ruhe geniesst, kann das Ganze glücklicherweise auch abschalten.
Digitale Tradition
Auch im Innenraum versucht Bentley, zwei Epochen miteinander zu versöhnen. Das Armaturenbrett beherbergt einen grossen, gebogenen Zentralbildschirm und digitale Instrumente, verzichtet jedoch auf den im Volkswagen-Konzern mittlerweile fast schon obligatorischen Beifahrerbildschirm. Vor allem aber behalten die wichtigsten Funktionen echte physische Bedienelemente. Gestern noch eine Selbstverständlichkeit, heute beinahe schon Luxus.
Bei den Materialien wird glücklicherweise schnell klar, dass man sich noch immer in Crewe befindet. Die gemeinsam mit Fox Brothers entwickelte Merinowolle trifft auf Leder, Holz und dreidimensional bearbeitetes Aluminium. Einige Details lassen die angestrebten Skaleneffekte allerdings etwas deutlicher erkennen. Gewisse Elemente der Mittelkonsole oder die hinteren Luftausströmer erinnern an den Cayenne, während die typischen «Bullseye»-Lüftungsdüsen konventionelleren Öffnungen weichen.
Die wenigen Kilometer, die wir bereits vor der Enthüllung in einem Prototyp zurücklegen konnten, zeigten zudem ein Auto, das Fahrbahnunebenheiten bemerkenswert gut herausfiltert, ohne seine Insassen völlig von dem abzukoppeln, was unter den Rädern geschieht. Nun bleibt abzuwarten, ob es den Ingenieuren auch am Steuer gelungen ist, die fast 2,8 Tonnen vergessen zu machen. Denn genau daran wird sich letztlich die Zukunft des Torcal entscheiden. Elektroantrieb, 888 PS und 400 kW Ladeleistung beeindrucken auf dem Daten