Klaus Justen | 16.10.2026
Tesla lässt den Roadster fliegen. Nach neun Jahren Ankündigungen soll der elektrische Sportwagen 2028 endlich in Produktion gehen. Bei der Präsentation beschleunigte er in 0,81 Sekunden auf 97 km/h und vollführte mit Kaltgasdüsen einen Sprung samt Drehung in der Luft. Das ist spektakulär. Ob es auch ein Auto ergibt, das Kunden tatsächlich kaufen und fahren können, ist eine andere Frage.
Die Raketen-Technik stammt aus der Zusammenarbeit mit SpaceX. Eine besonders aufwendige Version soll damit sogar kurze Flugmanöver absolvieren können. Für die Strasse dürfte das kaum taugen: Die Zulassung ist offen, die Rocket-Ausführung gibt es nur auf Einladung.
Wer sich mit weniger Höhenflügen zufriedengibt, kann die Performance-Version reservieren. Tesla verlangt dafür 50'000 Franken Anzahlung, für die Thrust-Variante mit Schubdüsen sind es 250'000 Franken. Ein Kaufpreis? Fehlanzeige. Ein verbindlicher Liefertermin? Ebenfalls.
Der Roadster ist damit ein typischer Tesla: grosse Versprechen, spektakuläre Inszenierung und ein Zeitplan, der elastischer ist als die Physik. Schon 2017 zeigte Elon Musk einen Prototyp und stellte den Produktionsstart für 2020 in Aussicht. Acht Jahre später soll es nun so weit sein. Immerhin: Diesmal hat das Auto bei der Vorführung tatsächlich abgehoben.
Während Tesla also Raketen an ein Auto schraubt, zieht die chinesische Konkurrenz bei einer Innovation davon, die im Alltag deutlich nützlicher sein dürfte.
BYD hat eine Ladeplattform mit bis zu 1000 kW vorgestellt; weitere chinesische Hersteller treiben die Ladeleistungen ebenfalls in neue Dimensionen. Tesla, einst selbst der Taktgeber bei Elektroantrieb und Ladeinfrastruktur, muss inzwischen zusehen, wie andere die nächste Runde einläuten.
Ein Auto, das in weniger als einer Sekunde auf Tempo 97 kommt, ist zweifellos beeindruckend. Eines, das in wenigen Minuten wieder genügend Strom für die Weiterfahrt hat, wäre für die meisten Kunden wohl hilfreicher.
Doch der Roadster muss auch eine andere Lücke schliessen: jene im Tesla-Modellprogramm. Model S und X wurden gestrichen, Model 3 und Model Y wurden aufgefrischt, ansonsten ist die Modellpflege überschaubar.
Während chinesische Hersteller in rascher Folge neue Modelle und Technik nachschieben, setzt Tesla auf autonome Fahrfunktionen, Robotaxis, Roboter – und jetzt eben auf einen Sportwagen mit Raketenantrieb. Das ist viel Zukunft auf einmal. Nur bei der Frage, wann daraus verlässlich kaufbare Autos werden, bleibt Tesla erstaunlich traditionell.
Der Roadster könnte die Marke wieder zum Gesprächsthema machen. Für eine technische Revolution reicht eine Flugshow allerdings nicht. Und nach neun Jahren Wartezeit wäre die eigentliche Sensation ohnehin, wenn er 2028 tatsächlich beim Kunden stünde.