Elmar Brümmer | 29.06.2026
Was noch vor kurzem nach einem Durchmarsch von Kimi Antonelli und Mercedes ausgesehen hat, entwickelt sich nach drei verschiedenen Siegern innerhalb von drei Rennen zu einer Formel-1-Saison, die noch lange nicht gelaufen ist. Ein perfekter Auftakt für das zweite Drittel des Rennjahres.
George Russell, fast vergessener Auftaktsieger in Melbourne, meldet sich mit dem knappen Triumph beim Grossen Preis von Österreich aus der mentalen Krise zurück. Max Verstappen bugsiert mit der starken Aufholjagd von Startplatz fünf aus seinen Red Bull-Rennwagen und damit auch ein stückweit sich selbst aus dem technischen Tal. Antonelli als Drittplatzierter braucht jetzt allen Mut und Kampfgeist, um seine Gesamt-Tabellenführung zu verteidigen. Passend zu den Temperaturen auf dem Red-Bull-Ring steht die Königsklasse vor einem heissen Rennsommer.
Wer in dieser Aufzählung Lewis Hamilton und Ferrari vermisst, die zuletzt in Barcelona so überlegen schienen, erkennt ein weiteres Schema dieser Berg-und-Tal-Saison: Garantien gibt es keine, die Laune der Reifen und der Aerodynamik variieren von Rennen zu Rennen – und wenn es schon am Wochenende in Silverstone weitergeht, dürfte wieder die Charakteristik der Antriebseinheiten stärker ins Spiel kommen.
An Abwechslung mangelt es nicht, und das Publikum ist begeisert. Parallel dazu läuft der Wettstreit der Rennställe bei den Updates und Upgrades. Ferrari muss noch einen weiteren Schritt machen, Red Bull kann für das Erste zufrieden sein, Mercedes war bislang noch sehr spartanisch mit Verbesserungen.
Vor allem kommt es in diesem immer noch unsicheren Saisonabschnitt auf die Charakterfestigkeit der Menschen an, nicht nur, wenn es in den Cockpits wie am Sonntag über 60 Grad heiss wird und ausgerechnet beim Sieger noch früh das Trinksystem ausfällt: «Solch harte Rennen stellen dich psychologisch auf die Probe», bilanziert ein erleichterter Russell, der dem enttäuschten und enttäuschenden Lewis Hamilton wieder Gesamtrang zwei abgejagt hat. Der Brite im Mercedes geht mit frischem Mut in sein Heimspiel: «Die letzten beiden Rennen waren sehr wichtig, denn sie haben mir gezeigt, zu was ich fähig bin.» Verkürzt drückt er es so aus: «Es muss einfach Klick machen.»
Mindestens so glücklich wie der Sieger, eher glücklicher, war Max Verstappen. Der Niederländer denkt gerade stark an seine kurzfristige Zukunft in der Königsklasse, angeblich soll er eine Austiegsklausel aus seinem Rentenvertrag mit Red Bull besitzen. Deshalb steckt sein Rennstall gerade alle verfügbare Kraft nicht nur in die Verhandlungen, sondern auch ins Auto.
Tatsächlich scheinen die jüngsten aerodynamischen Änderungen den Rennwagen besser zu machen: «Zum ersten Mal in diesem Jahr habe ich wieder das Gefühl gehabt, um den Sieg mitfahren zu können», sagt der vierfache Weltmeister, nachdem ihm durch einen furiosen Endspurt am Ende nur 1.6 Sekunden auf Russell gefehlt haben. Mit einem besser terminieren Boxenstopp wäre sogar der Sieg dringewesen.
Der neue Grip am Auto überträgt sich auf den Steuermann, der mit positiver Kritik schon wieder den ganzen Rennstall auf Trab bringen will: «Wir haben noch ein paar Probleme, die verhindert haben, dass ich den richtigen Rhythmus finden konnte.» Aber einer wie er riecht förmlich die Chance, und Mercedes-Frontmann Toto Wolff warnt seine Truppe ausdrücklich vor dem Niederländer.
Innerhalb von vier Rennen war Verstappen Dritter, Vierter und jetzt Zweiter. Der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach wäre irgendwann demnächst ein Sieg fällig. Diese Formel-1-Saison ist eine der unberechenbarsten – und damit spannendstem – seit langem.