Volvo EX60: Megacasting aus Uzwil

Automobil Revue | 21.09.2026

Volvo setzt beim neuen EX60 auf grosse Aluminium-Gussteile für die Karosserie. Die dafür eingesetzte Druckgussanlage stammt vom Schweizer Maschinenbauer Bühler. 

Volvo x Bühler Group 2

Volvo EX60, Druckgussteil für das Fahrzeugheck, Presse von Bühler

Uzwil statt Göteborg: Wer sich mit der Produktionsweise des neuen Volvo EX60 beschäftigt, landet zunächst beim Schweizer Maschinenbauer Bühler. In dessen Werk im sanktgallischen Uzwil steht die Technologie hinter einem wichtigen Teil der neuen Karosseriestruktur.

Beim sogenannten Megacasting wird der hintere Unterboden nicht mehr aus zahlreichen einzelnen Blechteilen aufgebaut. Stattdessen entsteht ein grosser Teil der Struktur als einteiliges Aluminiumgussteil. Beim EX60 ersetzt dieses laut Volvo 99 Einzelteile. Dadurch entfallen zahlreiche Press-, Transport- und Schweissvorgänge.

Megacasting für den Volvo EX60. Zum Vergrössern anklicken!

Megacasting: 8400 Tonnen Schliesskraft

Die dafür eingesetzte Carat 840 arbeitet mit einer Schliesskraft von 8400 Tonnen. In Volvos Giesserei in Torslanda werden rund 100 Kilogramm Aluminium innerhalb von etwa 0.2 Sekunden in die Form eingespritzt. Die Form für den hinteren Unterboden wiegt rund 150 Tonnen. Nach dem Giessen wird das Bauteil geprüft und mechanisch bearbeitet, bevor es in die Karosseriefertigung gelangt.

Das Verfahren selbst ist allerdings nicht neu. Tesla setzt grossformatigen Druckguss beim Model Y bereits seit 2020 ein. Der US-Hersteller fertigt den hinteren Unterboden dabei als einteiliges Gussteil. Der Begriff Gigacasting wird vor allem im Zusammenhang mit Tesla verwendet, während Bühler von Megacasting spricht. Gemeint ist im Kern dasselbe Prinzip: Aus vielen Einzelteilen wird ein grosses Strukturbauteil.

Maschine

Megacasting-Anlage von Bühler

Bühler beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit Druckguss und entwickelte die Carat-Zweiplattenmaschinen ursprünglich für grosse und komplexe Gussteile. Mit dem Megacasting ist daraus eine Anwendung für grosse Karosseriestrukturen entstanden.

Der Vorteil liegt weniger in einem einzelnen spektakulären Bauteil als in der Vereinfachung der Produktion. Bei einer konventionellen Karosserie werden zahlreiche Blechteile gepresst, zwischengelagert, transportiert, zu Baugruppen zusammengefügt und verschweisst. Beim Megacasting werden viele dieser Arbeitsschritte durch einen einzigen Gussvorgang ersetzt.

Bühler spricht von 70 bis 100 Einzelteilen, die durch ein grosses Druckgussteil ersetzt werden können. Das reduziert die Zahl der Komponenten und Prozessschritte und kann auch den Platzbedarf in der Produktion verringern. Für Elektroautos ist das besonders interessant, weil die Karosseriestruktur von Anfang an um Batterie und Antrieb herum konstruiert werden kann.

Beim EX60 kommt hinzu, dass Volvo die Batterie stärker in die Fahrzeugstruktur integriert. Die sogenannte Cell-to-Body-Bauweise macht den Akku selbst zu einem tragenden Bestandteil des Fahrzeugs. Nach Angaben von Volvo lässt sich dadurch Gewicht einsparen und die strukturelle Steifigkeit erhöhen.

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Der neue Volvo EX60

Globaler Trend zur Vereinfachung des Karosseriebaus

Der EX60 ist deshalb auch kein Einzelprojekt für Bühler. Das Unternehmen hat inzwischen mehr als 50 Megacasting-Lösungen für grosse Strukturteile verkauft. Zu den Abnehmern gehören neben Volvo unter anderem Honda sowie die Zulieferer Duoli Technology, Albert Handtmann Metallgusswerk und GF Casting Solutions. Die Anlagen sind in Europa, Asien und Nordamerika im Einsatz.

Ein Beispiel ist Duoli in China. Der Zulieferer produziert grosse Gussteile für verschiedene internationale Automobilhersteller und hat seit 2021 mehrere Bühler-Anlagen installiert. 2024 bestellte Duoli vier weitere Carat-920-Maschinen.

Auch Handtmann setzt auf Bühler-Technik. Der deutsche Leichtmetallgiesser nahm 2022 eine Carat 610 extended für die Produktion grosser Strukturteile in Betrieb. Das Unternehmen nutzt Bühler-Anlagen zudem seit vielen Jahren für andere Anwendungen wie Batterie- und Getriebegehäuse.

Bühler liefert damit nicht einfach eine einzelne Maschine nach Schweden. Das Unternehmen ist Teil eines inzwischen globalen Trends zur Vereinfachung des Karosseriebaus.

Die grossen Gussteile bringen allerdings auch neue Herausforderungen. Je grösser ein Bauteil ist, desto stärker stellt sich die Frage, wie es nach einem Unfall repariert werden kann. Volvo sieht deshalb die Möglichkeit vor, beschädigte Bereiche des Gussteils herauszutrennen und durch Ersatzsektionen zu ersetzen. Erst wenn eine Reparatur nicht möglich ist, soll das komplette Bauteil ausgetauscht werden.

Der EX60 ist damit weniger eine Revolution als ein weiterer Schritt bei einer Technologie, die sich in der Autoindustrie bereits etabliert. Tesla hat mit Gigacasting früh gezeigt, welches Potenzial im grossformatigen Druckguss steckt. Andere Hersteller und Zulieferer folgen inzwischen mit eigenen Lösungen.

Für Bühler ist der Volvo EX60 ein interessantes Schaufenster. Die 8400-Tonnen-Anlage zeigt, welche Dimensionen der Druckguss inzwischen erreicht hat. Der eigentliche Schweizer Beitrag steckt dabei nicht im fertigen Volvo, sondern in der Maschine und im Prozess dahinter.

Der Käufer sieht davon später nichts. Er fährt einen Volvo. Die Karosseriestruktur seines EX60 entsteht jedoch teilweise mit Technologie aus Uzwil.

Bühler Headquarter

Hauptsitz von Bühler in Uzwil

Fotos: Bühler, Volvo

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