Bentley Continental GTC S: Das macht ihn zum Sweet Spot
Moritz Doka | 12.10.2026
Der GTC S ist weder der schnellste noch der komfortabelste Vertreter von Bentleys Continental-Baureihe. Doch die gezielten Modifikationen gegenüber dem Basis-GT machen ihn in Summe zum vielleicht besten Continental für alle, die nicht maximale Sportlichkeit oder allerhöchsten Komfort, sondern eine feine Mischung aus beidem suchen.
Als 2024 die neue Generation des Continental GT auf den Markt kam, ging Bentley gleich in die Vollen und lancierte den Luxus-Zweitürer zunächst nur als 782 PS starken Speed. Erst ein Jahr später wurde das vorläufig sportlichste Topmodell nach unten hin abgerundet durch den GT, dessen 680 PS aber durchaus nicht nach «Basis» riechen. Am obersten Ende sitzt seit Kurzem der Supersports mit Hinterradantrieb und ohne jede Elektrifizierung, für feingeistige und besonders luxusaffine Menschen gibt es die Azure- und Mulliner-Modelle.
Anfang 2026 wurde das Angebot um den Continental GT S ergänzt, der die Mitte der Modellpalette bereichert. Er rückt die Dynamik etwas mehr in den Fokus, ohne dabei den Wohlfühlaspekt zu vergessen. Macht ihn das vielleicht sogar zum idealen Continental GT? Um das herauszufinden, testen wir ihn als offenen Continental GTC S.
Sanft nachgewürzte Optik
Um die sportliche Seite hervorzuheben, erhält der Continental GT S ab Werk die Blackline Specification. Das ist Bentley-Sprech für den Kühlergrill, den unteren Teil der Frontschürze, die Bentley-Logos, die Spiegelkappen und den Heckdiffusor in glänzendem Schwarz. Die dunklen Rückleuchten stammen vom Speed, und es stehen verschiedene Designs für die 22-Zoll-Felgen sowie unzählige Lackfarben zur Wahl. Unser Testwagen fuhr in Cricket Ball Satin vor, ein mattes Weinrot von Mulliner, Bentleys Abteilung für Sonderwünsche.
Im Cockpit zeichnen sich die S-Modelle durch S-Logos und eine modellspezifische Farbaufteilung aus, in unserem Fall Cricket Ball und Beluga, sprich Weinrot und Schwarz. Hinzu kommen Mikrofaserbezüge an Lenkrad, Schalthebel, Sitzen und Türtafeln und Oberflächen in glänzendem Schwarz, wobei beides auch anders bestellt werden kann wie bei unserem Testwagen.
Material- und Verarbeitungsqualität sind über jeden Zweifel erhaben, weniger darf man für den Preis aber auch nicht erwarten. Alles an diesem Auto hat eine Schwere an sich, vom Öffnen und Schliessen der Türen über das Fahrverhalten und das Lenkgefühl bis zur Verstellung der Lüftungsdüsen per metallenen Ziehstab und die hochflorigen Teppiche.
Alles in allem sind die S-Modelle des Continental GT optisch sanft sportlicher angehaucht, ohne jedoch durch überdimensionale Spoiler oder Carbon-Orgien aufzufallen. Immer noch elegant, aber mit der besonderen Note für all jene, die sie erkennen.
Göttlicher Sound dank Akrapovic
Deutlich grössere Sprünge macht da die Technik unter dem Blech. Zwar setzt der Continental GT S auf den gleichen Plug-in-Hybridantrieb aus Vierliter-Biturbo-V8 und E-Motor, der 680 PS und 930 Nm Drehmoment liefert wie im Basis-GT. Der Verbrenner liefert 519 PS und 770 Nm, der E-Motor im Getriebe 190 PS und 450 Nm. Allerdings liegt die Höchstgeschwindigkeit bei 306 km/h und ist nicht bei 270 km/h abgeregelt, die Beschleunigung in 3.7 Sekunden von 0 auf 100 km/h bleibt bestehen.
Dank der grossen Traktionsbatterie kann man rund 80 Kilometer rein elektrisch zurücklegen. Doch dann verpasst man das vielleicht wichtigste Feature des GT S: die Akrapovic-Klappenauspuffanlage mit Titan-Endschalldämpfer, die beim normalen GT nicht bestellbar ist. Sie «unterstreicht das akustische Charisma des 4.0-Liter-V8», sagt Bentley.
Sie klingt einfach verflucht nochmal verdammt gut, sagen wir. Dunkel und bassig wummert der V8 bei niedrigen Touren vor sich hin, um bei höheren Drehzahlen dann einen metallischen, voluminösen Beat hinauszuschreien, dass einem die Tränen der Ergriffenheit horizontal ablaufen. Der V8 hat dermassen viel Charakter, dass niemand ernsthaft den seligen W12 vermissen wird. Offenfahren im Cabrio bringt den Sound noch näher ans Ohr – unbedingt offen fahren, wann immer es geht!
Herr seiner Masse
Nun besitzt der GT S nicht nur die Auspuffanlage des Speed, sondern auch sein sportlicher ausgelegtes Fahrwerk mit 48-V-System und aktiver Wankstabilisierung. Und aktiv ist hier das Stichwort. Seine Zweiventil-Dämpfer stellen sich dem Gewicht des Luxusschiffs bei jeder sich bietenden Gelegenheit entgegen. Weitere dynamikfördernde Mittel sind eine Hinterachslenkung, ein elektronisch geregeltes Sperrdifferenzial, aktiver Allradantrieb und Torque Vectoring, das das Drehmoment längs zwischen den Achsen und quer zwischen den Rädern verteilt.
In Summe ergibt sich ein Agilitätsniveau, das für ein knapp 2.7 Tonnen schweres Luxuscabriolet nur schwer zu begreifen ist. Das System macht aus dem GTC S keinen leichtfüssigen Rennstreckenathleten, aber doch ein Auto, das sein Gewicht mehr als ordentlich in die Schranken weist. Es spielt mit seiner Masse, anstatt sie zu kaschieren und lässt sich flott und ehrlich um Kurven scheuchen. Im Dynamic-Modus erlaubt das ESP Driftwinkel, und ganz ausgeschlafene Zeitgenossen können es auch vollständig deaktivieren. Kurzum: Es ist eine Mordsgaudi, mit dem Continental GTC S die eine oder andere Landstrasse unsicher zu machen.
Noch immer ein Bentley
Bei all den sportlichen Möglichkeiten bleibt der Continental GTC S noch immer ganz Bentley. Der Fahrkomfort sucht seinesgleichen, mit Nachdruck federt das grosse Cabriolet ein, um Nachfedern mit einem gefühlt wahrnehmbaren «Fump» wegzudämpfen. Ein so sattes, hochwertiges und, nun ja, teuer wirkendes Fahrgefühl bekommt man in dieser Fahrzeugklasse sonst nirgends geboten. Mit dem Continental GTC S dahinzugleiten, konstant ein paar km/h unterhalb des Tempolimits, und einfach das pure Fahren zu geniessen, ist ein Erlebnis für sich.
Das Zusammenspiel zwischen Verbrenner, Elektromotor und Getriebe funktioniert nahtlos und unauffällig. Durch die adaptive Rekuperation muss man bei vorausschauender Fahrweise noch nicht einmal das Bremspedal betätigen, das hat etwas wunderbar Erhabenes an sich. Befürchtungen, das Auto käme mit der ach so modernen Elektrifizierung nicht zurecht, sind unbegründet. Bis auf den Umstand, dass man nur mit Wechsel-, nicht aber mit Gleichstrom aufladen kann. Das beherrscht im VAG-Konzern jedes Mittelklasseauto von VW oder Skoda. Gerade auf der Langstrecke wäre das ein merklicher Zugewinn.
Die perfekte Mischung
Ja, es gibt schnellere Continental-Modelle, es gibt radikalere, es gibt weniger teure und es gibt solche, die noch mehr auf Luxus ausgelegt sind. Aber in Summe bietet der GT S – und vor allem der GTC S – die perfekte Mischung aus würdevoller Dynamik und Luxus und eine Anziehung, der man sich nur schwer entziehen kann. Allein die Auspuffanlage ist das Upgrade vom GT zum GT S wert.