Lucid Air: Das (fast) perfekte Auto für die Familienferien

Moritz Doka | 30.07.2026

Beim Stichwort «Familienauto» ziehen Kombis, Vans und SUVs vor dem geistigen Auge vorbei. Dass auch eine gestandene, elektrische Luxuslimousine eines kalifornischen Startups ein ganz formidables Transportmittel für die ausgedehnten Familienferien sein kann, zeigt der Lucid Air Grand Touring. Was ihn so begehrenswert macht und warum dann doch noch «fast» im Titel stehen muss.

Lucid Air Grand Touring 2026 AUFMACHER

Wir wollen ehrlich sein: Eigentlich hätte in diesen Bildern ein Lucid Gravity stehen sollen. Lucids neues Elektro-Raumwunder mit massig Leistung und Reichweite, eine Kreuzung aus Sportwagen, Van und SUV – perfekt für die Ferienreise nach Italien. Aber die richtig guten Geschichten schreibt bekanntlich nur das Leben, und so kam ein paar Tage vor Abfahrt der Anruf von Lucid, dass der Testwagen wegen einer gerissenen Frontscheibe doch nicht verfügbar sei, Ersatz käme erst später.

Als Ersatz bekamen wir den Air angeboten, eine elektrische Limousine mit 910 Litern Kofferraum und 817 bis 960 Kilometern Reichweite. Keine schlechte Alternative, so schien es. Die kalifornische Marke hat sich zum Ziel gesetzt, sämtliche Antriebsbauteile so klein wie möglich zu gestalten und den Raum für Gepäck und Passagiere zu maximieren. Aber ob es auch für all den Kram reicht, an dem wir im Glauben an einen Gravity nun wirklich nicht gespart haben? Herausforderung angenommen!

Platz ist in der kleinsten Hütte

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es fand alles Platz. Im Frunk: Wanderrucksack, Rucksacktrage fürs Baby, Babybadewanne, der obere Teil des Kinderwagens und allerlei Kleinkram. Im Kofferraum: grosser Koffer, Kinderwagengestell, grosse Luftmatratze, Schaumstoff-Spielmatratze fürs Baby, Wanderschuhe, Baby-Wurfzelt plus diverse Tüten und Taschen. Der zweite Koffer musste auf den Beifahrersitz – gesichert und bei deaktiviertem Airbag –, im Fond kamen die grosse Kühlbox, der Wickelrucksack und eine weitere Tüte unter. Ach ja, dazu noch zwei Erwachsene und ein Baby in einer Babyschale auf ISOFIX-Base.

Lucid Air Grand Touring 2026 Kofferraum 2

All das ...

Lucid Air Grand Touring 2026 Kofferraum 3

... hatte in den beiden Kofferräumen des Lucid Air Platz.

Die Erfahrung im Tetris Spielen hat geholfen, aber wirklich kompliziert war das Beladen dank der riesigen Kofferraumöffnungen nicht. Grandios sind Lösungen wie der Stauraum unter den Längsholmen der Crashstruktur im Kofferraum, wodurch man lange Gegenstände quer im Kofferraumboden unterbringen kann. Auch der Zustieg gerät einfach, weil die Türen im 90-Grad-Winkel öffnen und auch das Installieren einer ISOFIX-Base einfach gestalten. Sogar Wickeln geht auf der Rückbank ganz kommod, was uns mehr als einmal zugutekam.

Lucid Air Grand Touring 2026 Fond

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Das Nonplusultra wären jetzt noch eine Haushaltssteckdose und weitere 12-V-Anschlüsse im Frunk und im Fond. So mussten wir die im Fond platzierte Kühlbox am einzigen 12-V-Stecker im Kofferraum anhängen und das Kabel durch die Durchreiche in der Rücksitzlehne ziehen.

US-Car-Feeling beim Fahren

Wo der Familienkombi mit bescheidenem kleinem Benziner vor viel Gepäck kapitulieren mag, tut der vollbeladene Lucid Air Grand Touring so, als wäre nichts. Den 611 kW (831 PS) und 1200 Nm Drehmoment ist das Zusatzgewicht einfach egal, die Limousine genauso energisch an wie ohne all die Bagage an Bord. Dabei entfaltet sich die Kraft progressiv und sehr gut dosierbar, einen Kick in den Rücken verleiht dir der Air selbst bei Kickdown nicht.

Das sorgt für ein sicheres und entspanntes Fahrgefühl, was das Fahrwerk unterstützt. Weich, nachgiebig und hervorragend gedämpft fliegt der Air über jeden Buckel im Asphalt. Schlechte Strassen, Kopfsteinpflaster und dergleichen bügelt das Auto einfach weg. Das verleiht US-Car-Feeling, nur ohne Schaukeln und schiffsartige Seitenneigung. Im Gegenteil, die Längsstabilität auf der Autobahn ist tadellos.

Lucid Air Grand Touring 2026 Innenraum

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Abgesehen von leisem Motorsurren bei niedrigen Geschwindigkeiten sind weder Fahrgeräusche noch Geräusche von draussen zu vernehmen, egal bei welchem Tempo. Zum hohen Reisekomfort tragen auch die bequemen und gut stützenden Sitze bei. Vorne mannigfaltig verstellbar, klimatisiert und mit Massagefunktion, hinten beheizt und ebenfalls elektrisch verstellbar sowie gesegnet mit endlos viel Beinfreiheit.

Zwei Einschränkungen: Man sitzt recht hoch und die dicken und flach stehenden A-Säulen sorgen für einen amtlichen toten Winkel nach schräg vorne. Für ein besseres Raumgefühl sei die Panoramafrontscheibe für 4000 Franken Aufpreis empfohlen.

Lucid Air Grand Touring 2026 Rollo 3

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Im Fond kommen den Passagieren die elektrisch ausfahrbaren Rollos für die Seitenscheiben und die Heckscheibe zugute, um Sonnenstrahlen draussen zu lassen und die Kabine fürs Nickerchen abzudunkeln. Schläft das Baby, lässt sich die Musik auf den Fahrerplatz konzentrieren, damit es hinten schön leise bleibt.

Über 700 Kilometer sind möglich

Eigentlich hätten wir die rund 430 Kilometer von Basel nach Ceresole Reale, im südlichen Teil des Gran-Paradiso-Nationalparks gelegen, locker mit einer Akkuladung geschafft. 650 Kilometer sind realistisch, mit etwas Vorsicht am Fahrpedal schafft man auf der Autobahn auch 700 Kilometer, im Mix noch deutlich mehr. Hilfreich wären jetzt noch Paddel am Lenkrad, um die Rekuperationsstufen einfacher verstellen zu können als via Infotainment.

Lucid Air Grand Touring 2026 DC Laden

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Knapp sechs Stunden Fahrt am Stück halten weder Erwachsene noch ein Baby aus, also durfte es ein erster Zwischenstopp an einer Raststätte mit Schnelllader kurz vor Martigny sein. Am 400-kW-Charger war der 112-kWh-Akku in etwa 25 Minuten von 60 auf 100 Prozent SoC (State of Charge) geladen – ohne Vorkonditionierung, wohlgemerkt. Bei einem anderen Zwischenhalt lag ein Ladehub von 40 auf 100 Prozent in rund 30 Minuten drin, dann aber vorkonditioniert. Da sind andere heute ein My schneller, aber angesichts der realisierbaren Reichweite spielt das beim Lucid keine Rolle. Nach der 300 Kilometer langen Fahrt von Aosta nach Basel zeigte der Akkustand noch immer 54 Prozent an.

Wenig Bodenfreiheit zu Gunsten der Aerodynamik

Reichweitenangst gibt es im Lucid Air definitiv nicht, wohl aber vor Temposchwellen, steilen Auffahrten und Abzweigungen, wie sie in Italien zum Strassenbild gehören. Der lange Radstand in Verbindung mit dem tiefliegenden Chassis verleiht der Limousine ziemlich bescheidene Böschungs- und Rampenwinkel, sodass wir mehr als wieder zurücksetzen und eine Abzweigung neu anfahren mussten, um nicht aufzusetzen.

Lucid Air Grand Touring 2026 Heck 3

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Der Tiefgang kommt dem Ami dann bei der Aerodynamik zugute – der cw-Wert beträgt sensationelle 0.197 – und auf kurvigen Passstrassen. Ohne Frau, Kind und Gepäck auf dem Weg zur Fotolocation – der Colle del Nivolet auf 2612 M. ü. M. – durfte es der Sprint-Modus sein, wie Lucid seinen Sportmodus nennt. Jetzt werden Fahrpedalbefehle schneller umgesetzt, die Lenkung direkter angebunden und das Fahrwerk steifer.

Der Air wird damit nicht zum Porsche Taycan, die gut 2.4 Tonnen Leergewicht sind stets präsent. Aber er ist nicht abgeneigt, flott um die engen Haarnadelkurven zu zischen und auf der nächsten Geraden den Biker abzuhängen, der einem gerade noch im Heck sass.

Lucid Air Grand Touring 2026 Felge

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Limitierender Faktor waren die aufgezogenen All-Season-Reifen mit hoher Flanke, auf minimalen Rollwiderstand und Komfort, aber nicht auf Grip spezialisiert sind. Traktion beim Beschleunigen ist dennoch stets genug da, Allradantrieb sei Dank.

Das war positiv

Bei Bedarf ein Sportwagen, die meiste Zeit eine komfortable Reiselimousine und all das mit massig Platz für Gepäck. Kein schlechtes Paket, das der Lucid Air da bietet. Zumal uns in den zwei Wochen mit ihm noch weitere positive Punkte aufgefallen sind:

  • Beim Verlassen des Fahrzeugs lässt sich mit einem Klick eine Funktion aktivieren, die die Raumtemperatur hält. Genial, wenn man nach einer Wanderung oder einem Stadtbummel in der Sommerhitze in ein auf 22 Grad temperiertes Auto sitzen kann – vor allem fürs Baby
  • Die Bedienung mit unterteilten Bildschirmen gerät einfach und intuitiv, trotz weniger Knöpfe
  • Geheimes Fach hinter dem hochfahrbaren grossen Bildschirm, ideal für Wertsachen
  • Material- und Verarbeitungsqualität im Innenraum sind hochwertig und dem Preis angemessen
  • Tolles, zurückhaltendes, aber nicht langweiliges Design. Gerade in Italien zog der Lucid viele Blicke auf sich und sorgte für Gesprächsstoff auf Parkplätzen und an Ladesäulen

Das war negativ

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und so gab es auch einiges, was beim Lucid Air verbesserungswürdig ist:

  • Die Software. Auf dieses Thema stösst man schnell in einschlägigen Foren, und auch wir hatten im ersten Test mit dem Air vor gut einem Jahr bereits Softwareprobleme. Bei diesem Testwagen liess sich der Verbrauch nur in km/kWh anzeigen und nicht in kWh/100 km, die Temperatur nur in Grad Fahrenheit, Android Auto verband sich teilweise nicht, einmal lief die Musik laut Anzeige, es kam aber kein Ton, und das Digitalcockpit präsentierte ab und zu Fehlermeldungen. Die Gängigsten: Fehler im Notrufsystem und in den Sensoren für die Fahrassistenz
  • Android Auto und Apple CarPlay werden nur winzig im oberen Bildschirm angezeigt, weil der grössere darunter für die Fahrzeugbedienung reserviert ist
  • Kein Head-up-Display
  • Anzeigen im Digitalcockpit kaum konfigurierbar
  • Vordere Haube kratzte beim Öffnen und Schliessen an der Zierblende über den Scheinwerfern

In vielerlei Hinsicht der Konkurrenz voraus

Lucid Air Grand Touring 2026 Front

Die Softwareprobleme sind für ein Auto, das bereits in der Basis 91'100 Franken kostet – der Testwagen lag bei 144'250 Franken – ein No-Go. Vor allem, weil sie bei Lucid ein Dauerthema zu sein scheinen. Bekommen sie diese in den Griff, ist der Air ein unheimlich fähiges, gut fahrendes und luxuriöses Auto, das den meisten Konkurrenten hinsichtlich Reichweite und Raumausnutzung weit voraus ist. Und der Gravity? Den haben wir in den Ferien nur vermisst, wenn es dem Air an Bodenfreiheit mangelte.

Technische Daten Lucid Air Grand Touring (2026)

Karosserie
Fahrzeugsegment E Luxusklasse
Länge 4975 mm
Breite 1936 mm
Höhe 1409 mm
Radstand 2960 mm
Sitzplätze 5
Leergewicht (mit Fahrer) 2435 kg
Gesamtgewicht 2850 kg
Kofferraum vorne 283 l
Kofferraum hinten 627 l
Reifengrösse 245/45 ZR19
Anhängelast gebremst 0 kg
Bodenfreiheit 126 mm
Böschungswinkel vorne/hinten 11.4/13.3 Grad
Antrieb
Motor hinten Permanenterregter Synchronmotor
Motor vorne Permanenterregter Synchronmotor
Antrieb AWD
Getriebe 1 Gang
Systemleistung 611 kW (831 PS)
Systemdrehmoment 1200 Nm
Systemspannung 900 Volt
Batteriekapazität 117 kWh (brutto)
Batteriechemie Lithium-Eisenphosphat
Ladeleistung DC 300 kW
Ladezeit DC 10-80 Prozent ca. 33 min
Ladeleistung AC 22 kW
Ladezeit AC 0–100 Prozent 6 h
Fahrleistungen und Verbrauch
0-100 km/h 3.2 s
Höchstgeschwindigkeit 270 km/h
Verbrauch 100 km (WLTP) 13.5 kWh
Reichweite (WLTP) 817-960 km
Testverbrauch 20.3 kWh/100 km
Testreichweite ca. 650 km
Preis
Grundpreis Air Pure 91'900 Franken
Air Grand Touring ab 136'900 Franken
Testwagenpreis 144'250 Franken

Bildergalerie Lucid Air Grand Touring (2026)

Bilder: Moritz Doka, Lucid

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