AR Redaktion | 21.06.2026
Man muss sich diese Pointe auf der Zunge zergehen lassen: Das berühmteste Radrennen der Welt wurde von einer Zeitung namens «L’Auto» erfunden. Das ist ungefähr so, als würde ein Veganer den Cervelat-Salat zur Schweizer Nationalspeise erklären. Nur historisch noch schöner. Denn ursprünglich hiess das Blatt sogar «L’Auto-Vélo».
Es war um 1900 als Konkurrent zu «Le Vélo» entstanden, damals Frankreichs mächtiger Sportzeitung. Doch «Le Vélo» klagte wegen des ähnlichen Namens – und gewann. «L’Auto-Vélo» musste Anfang 1903 das «Vélo» aus dem Titel streichen. Plötzlich hiess das Blatt nur noch «L’Auto». Für eine Zeitung, die dringend Velofans brauchte, war das ungefähr so praktisch wie ein Rennrad ohne Kette.
Also brauchte Henri Desgrange, Chef von «L’Auto», einen publizistischen Befreiungsschlag. Sein junger Mitarbeiter Géo Lefèvre hatte die verrückte Idee: ein Rennen rund um Frankreich. Nicht ein Tagesklassiker, sondern ein Land in Etappen. 1903 startete die erste Tour de France. Das Velo wurde zur Druckerpresse mit Kettenantrieb. Jede Etappe brachte Drama, Staub, Schmerz, Helden – und verkaufte Zeitungen. «L’Auto» hatte verstanden: Wer die Strasse erzählt, besitzt das Publikum.
Das Velorennen als Medienmaschine
Darin liegt die Pointe. Die Tour de France war nie nur Sport. Sie war Medienmaschine, Werbeplattform, Materialschlacht, nationales Theater und Mobilitätslabor. Reifenhersteller, Fahrradmarken, Zeitungen, später Autos, Motorräder, Begleitfahrzeuge, Werbekarawanen – alles fuhr mit. Das Rennen auf zwei Rädern war von Beginn an ein Ereignis auf vielen Rädern.
Und die Tour de Suisse? Sie ist weniger Zeitungscoup, aber ähnlich spannend. Ihre erste Austragung 1933 fand zum 50-jährigen Jubiläum des Schweizer Rad- und Motorradfahrer-Bundes statt. Schon im Ursprung steckt also diese Doppelwelt: Muskelkraft und Motorisierung, Velo und Maschine, Sport und Strasse. Die Schweizer Landesrundfahrt war immer auch eine Demonstration dafür, wem die Strasse gehört – und wie man sie gemeinsam nutzt.
Heute ist diese Verbindung aktueller denn je. Vorne kämpfen Fahrer um Sekunden. Dahinter rollen Teamautos, Polizeimotorräder, Materialwagen, Medienfahrzeuge, Gäste-Shuttles und neuerdings Elektroautos mit Lade-Apps durch die Landschaft. «L’Auto» lebt weiter. Nur heisst die Druckerpresse heute Tross.