Als erstes vollelektrisches Modell in der Geschichte von Bentley will der Torcal eine neue Ära einläuten, ohne dabei mit den Traditionen aus Crewe zu brechen. Wenige Tage vor seiner Enthüllung konnte die Automobil Revue in einem noch getarnten Prototyp Platz nehmen. Und trotz einiger Zugeständnisse an das digitale Zeitalter springt der Funke ziemlich schnell über.
Wenn der Torcal auf die Strasse kommt, wird er ein neues Kapitel in der 107-jährigen Geschichte von Bentley aufschlagen: Das SUV wird das erste vollelektrische Modell der Marke. Doch wenige Tage vor seiner offiziellen Präsentation am 23. September hütet Crewe seine Geheimnisse weiterhin sorgfältig. Die wenigen existierenden Prototypen bleiben den Mitarbeitenden der Marke vorbehalten, und bei dieser ersten Begegnung kam es für die Journalisten nicht infrage, selbst am Steuer Platz zu nehmen.
So lernten wir den Neuling erst eimal von der Rückbank eines noch weitgehend getarnten Exemplars aus kennen. Für einen Bentley letztlich gar keine so schlechte Position, denn bereits hier lässt sich eine seiner wesentlichen Qualitäten beurteilen: Weder für Beine noch Kopf mangelt es an Platz, obwohl die Karosserie etwas kürzer und niedriger ausfällt als beim Bentayga.
Ansonsten hütet der Torcal seine Geheimnisse weiterhin streng: Dicke Abdeckungen verhüllen ihn sowohl aussen als auch im Innenraum nahezu vollständig. Wer jedoch mutig genug ist und diskret die eine oder andere Tarnung anhebt, erkennt schnell, dass die Karosserie ein grundlegend überarbeitetes Design erhält, das sich deutlich von der derzeit in Crewe gepflegten Formensprache entfernt.
So präsentiert sich der neue, geschlossene "Kühlergrill" als leuchtendes Panel aus hinterleuchteten Kristallen, die vor einem schwarzen Hintergrund zu schweben scheinen. Eine Gestaltung, die stark an den beleuchteten "Kühlergrill" erinnert, den Skoda beim Enyaq vor dem Facelift als Option anbot.
Zwar zeugt das Ganze von einem beträchtlichen inszenatorischen Aufwand, doch wirkt das Ergebnis nicht ganz so edel wie erhofft – vom klassischen Charakter des traditionellen verchromten Bentley-Kühlergrills ist man jedenfalls weit entfernt. Dafür weichen die vier für Bentley charakteristischen Rundscheinwerfer vier vertikalen Lichtsignaturen, deren Neuinterpretation schlichtweg meisterhaft gelungen ist! Auch am Heck wird die Grafik reduziert: Horizontale Leuchten sitzen auf einer Heckklappe, deren Form leicht an einen klassischen Kofferraumdeckel erinnert.
Edles Interieur, erkennbare Synergien
Im Innenraum kommt Merinowolle zum Einsatz, die gemeinsam mit Fox Brothers entwickelt wurde und laut Bentley das erste für den Automobilbau zugelassene Textil aus 100 Prozent Wolle ist. Kombiniert wird sie unter anderem mit mehrschichtigem Walnussholzfurnier und dreidimensional bearbeitetem, gebürstetem Aluminium. Das wirkt edel, auch wenn zu bedauern ist, dass auch der Torcal auf Synergien innerhalb des Volkswagen-Konzerns zurückgreift: Sein Armaturenbrett wird von einem grossen, gebogenen Touchscreen dominiert, dessen Aufmachung unweigerlich an jene des Porsche Cayenne Electric erinnert, ohne dessen Bedienkonzept jedoch vollständig zu übernehmen.
Vom deutschen Verwandten übernimmt der Bentley zudem die Luftausströmer für die Fondpassagiere sowie Teile des Mitteltunnels. All dies deutet darauf hin, dass der Torcal mehr Komponenten mit anderen Modellen des VW-Konzerns teilt als seine Geschwister.
Auf einen Bildschirm vor dem Beifahrer hat Crewe hingegen verzichtet, um die Eleganz des Armaturenbretts zu bewahren. Noch besser: Für die wichtigsten Funktionen bleiben mehrere physische Bedienelemente erhalten. Bentley zieht den Kontakt mit edlen Materialien einer vollständig digitalen Bedienoberfläche offenbar weiterhin vor.
Bedauerlich ist allerdings, dass sich die legendären «Bullseye»-Luftausströmer nicht mehr über ihre traditionellen Metallregler einstellen lassen. Diese Funktion wandert nun auf den Zentralbildschirm – auch hier ganz wie beim Cayenne. Dafür wurde bei der Darstellung auf den Displays grosser Aufwand betrieben: Die virtuellen Animationen entstanden nicht vollständig am Computer, sondern basieren auf echten Lichtspielen, die durch eigens geschaffene Kristallobjekte gefilmt wurden. Das hat Stil.
«Curation Engine»
Im Zentrum der Mittelkonsole thront zudem das, was Bentley «Curation Engine» nennt. Hinter dieser etwas hochtrabenden Bezeichnung verbirgt sich in Wirklichkeit der Fahrmodus-Wahlschalter. «Bentley», «Comfort», «Sport» und der neue Modus «Refresh» beeinflussen nicht mehr nur Fahrwerk, Lenkung oder Ansprechverhalten des Fahrpedals, sondern auch Klimatisierung, Massagesitze, Ambientebeleuchtung und sogar die Darstellung auf den Bildschirmen.
Auf der Strasse zeigt der Torcal hingegen wieder vertrautere Manieren. Ganz dem Charakter der Marke entsprechend filtert er Unebenheiten und Fahrbahnschäden wirkungsvoll heraus, ohne seine Insassen dabei völlig von der Strasse abzukoppeln. Zu diesem ausgewogenen Verhalten trägt auch die PPE-Plattform bei, die vom Cayenne Electric übernommen, jedoch umfassend an die Anforderungen von Bentley angepasst wurde.
So wurde etwa der Durchmesser der internen Öffnungen in den Stossdämpfern um 0.38 mm vergrössert, damit das Öl schneller zirkulieren und so der Komfort verbessert werden kann. Wie der Porsche verfügt auch der Torcal über eine Hinterachslenkung. Damit dürfte er hervorragende Fahreigenschaften bieten – was allerdings erst bei einer späteren, richtigen Testfahrt bestätigt werden kann.
Anstatt Rekorden hinterherzujagen, spricht Bentley lieber von «ausreichender» Leistung. Ein durchaus relativer Begriff, denn die beiden Elektromotoren – je einer pro Achse – leisten zusammen mehr als 850 PS und 1000 Nm. Damit ist der Torcal der leistungsstärkste Bentley aller Zeiten.
Rhytmus des 6.75-Liter-V8
Bei der Reichweite verspricht das Modell knapp 600 Kilometer. Das ist ausreichend, gemessen an heutigen Standards jedoch keineswegs aussergewöhnlich. Dafür bewegt sich die Ladeleistung auf ausgezeichnetem Niveau: Mit bis zu 400 kW lässt sich die Batterie – deren tatsächliche Kapazität noch nicht bekannt ist – in weniger als 20 Minuten von zehn auf 80 Prozent laden.
Die beiden Elektromotoren hätten sich problemlos der Stille verschreiben können, niemand hätte daran Anstoss genommen. Bei Bentley betrachtet man Geräusche jedoch als wichtige sensorische Orientierung für Fahrer und Passagiere. Sie sollen helfen, Beschleunigung, Verzögerung oder Haftung besser wahrzunehmen und möglicherweise sogar die Reisekrankheit reduzieren. Im Torcal orientiert sich die Klangkulisse am V8 des Bentley Continental R aus den Achtzigerjahren.
Anstatt den Klang dieses legendären 6,75-Liter-V8 künstlich zu imitieren, beauftragte Bentley Musiker damit, dessen Rhythmus und Emotion mithilfe akustischer Instrumente neu zu interpretieren. Tempo und Lautstärke verändern sich dabei abhängig von Beschleunigung und Geschwindigkeit.
Im Modus «Bentley» bleibt das Ergebnis dezent, in «Sport» tritt es etwas stärker in den Vordergrund und auf Wunsch lässt es sich vollständig deaktivieren. Ein Lautsprecher überträgt diese charakteristische Klangsignatur zudem nach aussen.
Der Torcal wird knapp unterhalb des Bentayga positioniert und entsprechend auch etwas günstiger ausfallen als dieser, dessen Preis bei rund 250'000 Franken liegt.